Bierberater MüGro

International Beer Sommelier * Bierbotschafter IHK * Candidate of the Institute of Masters of Beer


Anchor Brewing Steam Beer

127 Jahre Geschichte – enden 2023. Es ist eine dieser Einwanderergeschichten, von denen die USA so reich ist. Und eine von diesen Millionär-kauft-sich-was-Geschichten, von denen es auch eine Menge gibt. 1849 kam der Deutsche Gottlieb Brekle in die USA. 1871 kaufte er sich einen alten Saloon in San Francisco und wandelte ihn in eine Brauerei um. 1896 übernahmen zwei andere Deutsche, Ernst F. Baruth und sein Schwiegersohn Otto Schinkel, die Brauerei, nannten sie Anchor Brewery und begannen mit der Produktion des Steam Beers. Bis 1907 wurde die Familie und in Folge des großen Erdbebens auch die Brauerei direkt von zahlreichen Schicksalsschlägen heimgesucht, so dass die deutschen Brauer Joseph Kraus und August Meyer die Brauerei mit Hilfe von Henry Tietjen, der einen Getränkeladen betrieb, weiterführten. 1920 beendet die Prohibition den Brauereibetrieb. Mit dem Ende der Prohibition 1933 machte Joe Kraus wieder Feuer unterm Kessel und braute wieder das Anchor Steam Beer. Schon im Februar des folgenden Jahres brannte die Brauerei ab. Kraus und sein Partner Joe Allen zogen ein paar Blocks weiter und eröffnet sie wieder. In den 1950ern machten sich die geänderten Wünsche der Konsumenten bemerkbar und 1959 musste Allen (Kraus war 1952 verstorben) die Brauerei schließen. 1960 eröffnete Lawrence Steese die Brauerei wieder, musste aber 1965 schon wieder aufgeben. Im gleichen Jahr kam ein Mann namens Fritz Maytag, der gerade sein Studium beendet hatte, daher und erfuhr, dass die Brauerei schließe und somit sein Lieblingsbier Anchor Steam nicht mehr gebraut werde. Maytag hatte keinen blassen Schimmer vom Bierbrauen und tat was? Er kaufte einen 51-prozentigen Anteil der Brauerei, die nicht nur miese Zahlen schrieb, sondern auch technisch nicht gerade auf dem neuesten Stand war. Maytag hatte damit mehr als eine Brauerei gerettet, er hatte, ohne es zu wissen oder zu wollen, die ersten leisen Glöckchen einer bevorstehenden Bier-Revolution geläutet. Er war quasi ein Pionier mit altem Equipment. 1971 kam das Steam Bier erstmals in Flaschen auf den Markt, kurz darauf baute Maytag das Sortiment mit einem Porter, dem legendären Liberty Ale und einem Barleywine Ale aus, allesamt Vorbilder und Ikonen der US-Craftbeerbewegung. Die Brauerei wuchs und wuchs weiter. 2010 schließlich verkaufte Maytag seine Anchor Brewery an Keith Greggor und Tony Foglio, 2017 übernahm die Japanische Brauerei Sapporo das Ruder und – es ging den Bach runter … 2023 machte Sapporo die Türe zu und beendete die Geschichte der Anchor Brewery. So schnell kanns gehen. Mitarbeiter haben den Versuch unternommen, die Brauerei zu kaufen. Parallel dazu hat Sapporo die Gebäude der Brauerei für 40 Mio. Dollar auf den Markt gebracht. „The Anchor brand is also available for sale but is not included in that price tag.“ (Quelle: https://www.sfchronicle.com/realestate/article/s-f-anchor-brewing-on-the-market-18422512.php).

Unter Steam Beer oder Dampfbier versteht man historisch gesehen in der Regel ein Bier, dass mit eigentlich untergäriger Lagerbier-Hefe obergärig gebraut wird. In Bayern wurde das dortige (obergärige) Dampfbier im 19. Jahrhundert mit Gerstenmalz und Weizenbierhefe (untergärig) gebraut. Der Name wird einerseits auf die dampfend platzenden Schaumbläschen bei der raschen Gärung zurückgeführt. Die dampfende Kühlung der heißen Würze in einer kühlen Umgebung ist eine weitere mögliche Erklärung. Möglich ist auch, dass der Name aufgrund der Assoziation zur Dampfmaschine Modernität suggerieren sollte. Vielleicht ist es eine Mischung aus alledem …

Das Steam Beer von Anchor ist dem Stil nach ein „California Common“, also ein „gewöhnliches kalifornisches“ Bier. Vergoren mit Lagerbier-Hefe bei eher obergärigen Temperaturen. „A true San Francisco icon, Steam Beer is America’s original craft beer, named for the 19th century practice of fermenting beer outdoors due to the lack of refrigeration. As legend has it, the chilly San Francisco night air naturally cooled the fermenting beer, creating the visual of steam rising from the brewery rooftop.“ Das Bier, so heißt es weiter auf der Website https://www.anchorbrewing.com, habe „CRISPNESS OF A LAGER. COMPLEXITY OF AN ALE.“ Stimmt: Es schmeckt hervorragend, hat einen schönen, leicht süßen Malzkörper, Nuancen von Karamell und Fruchtestern und eine zurückhaltende Bittere. Schlank und komplex, extrem thekentauglich und doch nie langweilig.

Quellen (Stand 31.10.2023):
https://www.anchorbrewing.com
Wikipedia