Zum 30. Jubiläum der Durham Brewery hat man sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Ein Bier nach Art der Sumerer. Nach Originalrezept ungefähr aus dem Jahre 2.000 vor unserer Zeitrechnung.
Dazu muss man wissen, dass aus der Zeit der Sumerer der Hymnus auf die Biergöttin Ninkasi erhalten ist, niedergeschrieben in Keilschrift auf einer 10,5 mal 6,3 Zentimeter kleinen Tontafel.
Die Sumerer waren ein Volk, das im südlichen Mesopotamien im 3. Jahrtausend v.u.Z. lebte, als erste Hochkultur gilt und die Keilschrift erfunden hat. Wie die Ägypter auch und sicherlich viele weitere Völker der Region brauten und tranken sie eine Art Bier. Im Hymnus haben sie tatsächlich eine Art Rezept für die Nachwelt festgehalten.

Auf der Vorderseite der Tafel steht unter anderem (eigene Übersetzung der englischen Übertragung, siehe Quellen; die Angesprochene ist Ninkasi):
„Du bist es, die (…) den Teig mit einer großen Schaufel bearbeitet und in einer Grube das Bierbrot mit süßen Aromaten mischt.
Du bist es, die das Bierbrot im großen Ofen backt und die Haufen von geschältem Getreide ordnet.
Du bist es, die das erdbedeckte Malz wässert.
Du bist es, die das Malz in einem Krug tränkt; die Wellen steigen, die Wellen fallen.
Du bist es, die die gekochte Maische auf großen Schilfmatten ausbreitet.
Du bist es, die mit beiden Händen die große Süßwürze hält und sie mit Honig und Wein braut.
Du …… die süße Würze in das Gefäß.“
Ohne über die Details des sumerischen Brauprozesses zu spekulieren, kann man festhalten: Es wird offenbar eine Art Bier mithilfe von Brot und unter Verwendung von Malz, Honig und Wein gebraut. Das Bier wird aromatisiert. Der Honig könnte auch Dattelhonig sein.
Man muss dabei allerdings berücksichtigen, dass jede Lesart des Textes eine Interpretation ist, vor allem, weil man den Text durch die Brille heutigen Wissens um Brauprozesse liest und so eventuell etwas hineinliest, was gar nicht im Text steht.
Auf der Rückseite steht (laut Website zur Tontafel, siehe Quellen):
„Ninkasi, das Fermentierungsfass, das einen Wohlklang hat, setzt du richtig auf das große Sammelfass. Du gießt das gefilterte Bier aus dem Sammelfass – es ist wie der Ansturm von Euphrat und Tigris.“ Hier wird also das Gären und eine Art Läutern beschrieben, wobei die gleichen Einschränkungen gelten, wie oben.
Alles in allem kann man festhalten, dass es sich keinesfalls um ein Bier gehandelt hat, wie wir heute Bier verstehen. Der Beschreibung nach könnte es sich bei diesem „Bier“ auch um eine Art angegorene (und damit vergleichsweise nur leicht alkoholische) und gewürzte Getreidesuppe gehandelt haben.
Festhalten kann man aufgrund der Tontafel jedenfalls: Das Brauen ist eine göttliche Handlung, eine, die eine heilige und somit auch in Teilen rätselhafte Aura umgibt.
Weniger rätselhaft ist das Sumerian der Durham Brewery, denn es wird natürlich mit modernen Methoden gebraut, und um die Zutaten macht die Brauerei auch kein Geheimnis: „We’ve used local Humble Bee honey, dates and spices; creating a beer some have described as liquid banana bread. The aroma is an alchemy of spices that would have been available in ancient Mesopotamia. Contains water, barley, wheat, date syrup, honey, spices, lactose, hops and yeast.“
Welche Spices es sind, steht leider nicht auf der Flasche, aber am 24.7.2024 war ich wieder vor Ort in der Brauerei und konnte kurz mit Brewer William Daniels sprechen. Er sagt mir, die verwendeten Spices seien Koriandersamen, Kreuzkümmel und Kardamom.
Mit 8,4 % ABV hat das Bier ordentlich Wums – die Garantie für allerlei mythische Visionen nach ein paar Flaschen, was immerhin ein wahrscheinlicher Zweck sumerischen Biergenusses war.
Mein Eindruck kurz und knapp:
- Schaum: gemischtporig, stabil
- Farbe: goldgelb mit einem Stich Orange, trüb
- Aroma: würzig-kräutig, Nelke, Honig, medizinische Noten, erinnert ein wenig an Witbier; reife Banane im Hintergrund, ein Hauch Vanille
- Geschmack: süß im Antrunk, wenig Säure, leicht salzig, milde Bittere, würziger Abgang und Nachklang
- Mundgefühl: angenehme Karbonisierung, schöne Rezenz, die die Aromen zur Geltung bringt; je länger im Mund, desto cremiger der Eindruck; schlank
- Gesamteindruck: komplexes, vielschichtiges, spannendes und würziges Bier, der Malzkörper ist sehr zurückgekommen, bietet aber eine stabile Basis, die Würze klingt lange nach, trotz der intensiven aromatischen Eindrücke leicht und gut trinkbar, die 8,4 % ABV sind gut eingebunden. Ich habe natürlich keine Ahnung, wie Ninkasi ihr Bier geschmeckt hat, dies hier jedenfalls hätte sie bestimmt gemocht.
Das Bier gibt es vor Ort in der Brauerei und im Online-Shop – leider liefert die Brauerei laut Terms & Conditions nur innerhalb des United Kingdom.
QUELLEN
Eine sehr ausführliche, wissenschaftliche Betrachtung zum sumerischn Bier und den Hymnus findet man hier:
Peter Damerow, Max Planck Institute for the History of Science. Sumerian Beer: The Origins of Brewing Technology in Ancient Mesopotamia. Cuneiform Digital Library Journal (ISSN: 1540-8779), Published on 2012-01-22. https://cdli.mpiwg-berlin.mpg.de/articles/cdlj/2012-2
Infos zu Ninkasi:
https://en.wikipedia.org/wiki/Ninkasi
Übersetzung des Hymnus ins Englische :
https://etcsl.orinst.ox.ac.uk/cgi-bin/etcsl.cgi?text=t.4.23.1#
Bild der Tontafel:
https://id.smb.museum/object/1973692/hymnus-auf-die-bierg%C3%B6ttin-ninkasi
Das Bier auf der Website der Brauerei:
https://durhambrewery.com/our-beers/sumerian-2/
