Bierberater MüGro

International Beer Sommelier * Bierbotschafter IHK * Candidate of the Institute of Masters of Beer


Mein „Moon Under Water“

Meine Lieblingskneipe – mein “Moon Under Water” – ist direkt an der Hauptstraße einer kleinen Stadt, und somit viel zu sichtbar und öffentlich, um ein Ziel für Trunkenbolde und zwielichtige Gestalten zu sein, nicht einmal an einem Samstagabend.

Die Kundschaft ist groß, besteht aber vor allem aus Stammgästen und Mitgliedern der Stadtgemeinschaft, die nicht nur des guten Bieres wegen kommen, sondern mindestens genauso gerne, um sich einfach miteinander zu unterhalten.

Wenn man gefragt wird, warum eine bestimmte Kneipe eine Lieblingskneipe ist, wäre es ganz natürlich, das Bier als erstes zu nennen. Aber was mich besonders in Larkins Alehouse zieht, dann das, was die Leute Atmosphäre nennen würden.

Es fängt schon mit der Einrichtung an. Im schmalen und langgezogenen Gastraum stehen vier Tische zwischen Bänken und Stühlen – hölzern, robust, einfach und zweckmäßig, abgenutzt, einladend mit Blumen und Tischdecken geschmückt, liebevoll und familiär. Rund 20 Gäste können bequem sitzen, wenn sie zusammenrücken auch mehr. Vom Eingang aus fällt der Blick zunächst auf eine kleine Theke, die so ganz anders aussieht als die üblichen Kneipentheken: sie hat keine Zapfhähne. Stattdessen stehen dort große Gläser gefüllt mit verschiedenen Sorten Erdnüssen und Pistazien sowie zwei Gläser mit hell und dunkel eingelegten Soleiern. Wände und Decken sind übersät mit Pumpclips, bierdeckelgroßen Schildern, die üblicherweise an die hier nicht vorhandenen Zapfhähne geklemmt werden, damit der Kunde angesichts des unentwegt wechselnden Angebotes weiß, welche Biere gerade ausgeschenkt werden. Sie werden von den Brauereien mit den Fässern mitgeliefert. In dieser Kneipe wird das Angebot auf Schiefertafeln geschrieben, die rechts neben dem Eingang angebracht sind. Neben den aktuell verfügbaren Bieren steht dort auch eine Übersicht der Cider und Weine, die man bestellen kann. Die Getränke – außer dem Wein – werden direkt aus Fässern im gekühlten Nebenraum gezapft. Kurz: Alles in meiner Lieblingskneipe hat den soliden, gemütlichen und schönen Charme eines dörflichen Micropubs des 21. Jahrhunderts, wobei das Zapfen aus Fässern an die gute alte Kneipenkultur des 19. Jahrhunderts erinnert.

Links neben der Theke, an der man Bestellungen aufgibt und bezahlt, führt ein schmaler Gang vorbei am Raum mit den Fässern in eine Art Innenhof, der eingezwängt ist zwischen die gleich großen Gärten der eng anliegenden Nachbarhäuser. Hier ist Platz für weitere rund 20 Gäste – kuschelig sitzend können es auch 30 werden. 

Wo keine Pumpclips an den Wänden hängen, sind Fotos und Zeichnungen zu sehen. Bilder von früher, Ansichten der Hauptstraße um die vorletzte Jahrhundertwende, ein koloriertes Foto der jungen Königin. In einem Regal stehen Marmeladen zum Kauf, hergestellt von kleinen Produzenten im Ort. Fenster und Tür sind beklebt im Flugblättern und kleinen Postern, die Werbung für Vereine, Dorffeste oder Nachbarschaftsflohmärkte machen. “Wir sind das einzige Geschäft im Ort, die Vereinen erlauben, so etwas aufzuhängen”, sagt Wendy, die Besitzerin meiner Lieblingskneipe. 

In Larkins Alehouse ist es immer ruhig genug, um sich zu unterhalten. Musikalische Dauerbeschallung gibt es nicht, einen Fernseher sucht man vergeblich. (Allerdings gibt es ein sehr schnelles WLAN.) Alle Geräusche werden von den Mitarbeiterinnen und den Gästen selbst erzeugt: warmherzige Begrüßungen, fröhliche Plaudereien, herzhaftes Lachen, klimpernde Gläser. Zu besonderen Anlässen spielen Musiker, und an Weihnachten singen die Gäste im Chor.

Die Besitzerin und ihre Mitarbeiter kennen alle Gäste persönlich, begrüßen sie mit Namen und interessieren sich für jeden einzelnen. Hier treffen sich Menschen aus allen Generationen, von der Gemeindeältesten, die Hilfe braucht, diese eine Stufe an der Eingangstür zu überwinden, bis zum Schulkind, das nur Saft oder Cola trinkt.

In Larkins Alehouse gibt es keine Küche. Aber gegenüber der Theke am Gang, der Richtung Innenhof führt, ist eine weitere Theke an der Wand befestigt, auf der immer ein paar Snacks stehen. Jeden Samstag bringen Gäste etwas Selbstgekochtes mit. Würstchen in Blätterteig, Scotch eggs, Pastete, Kuchen, Käse. An anderen Tagen bestellen sich Gäste schon einmal Fish and Chips in der Imbissbude um die Ecke. Die Bedienung im Larkins Alehouse hat nichts dagegen – im Gegenteil: Sie gibt Teller und Besteck aus, damit die Gäste nicht von den mitgelieferten Plastiktellern essen müssen.

In Larkins Alehouse legt man besonderen Wert auf die Auswahl der stets wechselnden Biere, Cider und Weine. Alles kommt aus der näheren Umgebung von lokalen Produzenten. Das Bier wird ausschließlich aus Fässern per Hand gezapft, nur ein Bier wird mit CO2 gezapft. Auch der Cider kommt per Hand aus Fässern, ausnahmsweise auch einmal aus der Flasche. 

Das Larkins Alehouse ist mein Ideal dessen, was und wie eine Kneipe sein sollte. Und an dieser Stelle ist zu sagen, was die geneigte Leserin und auch der geneigte Leser sicher bereits ahnt. Natürlich gibt es das Larkins Alehouse wirklich. Es befindet sich in Cranbrook, einer kleinen Gemeinde inmitten der schönen Grafschaft Kent.

Um der Wahrheit willen sei auch gesagt, dass ich einige Kneipen kenne, die es mit Larkins Alehouse aufnehmen können und viele der  Qualitätskriterien erfüllen, die ich bisher genannt habe: ausgesuchte wechselnde Biere, weder Musik noch Fernseher, herzliche und nachbarschaftliche Atmosphäre, urige Einrichtung, offenherzige Kunden und persönliche Bedienung, hausgemachte Snacks und eine charmante Melange aus drei Jahrhunderten typisch englischer Kneipenkultur. Manche dieser Kneipen bieten außerdem schmackhafte Gerichte. Und manche sind trotz Musikbegleitung sehr liebenswert. Auch diese heißen nicht Moon Under Water, das bekanntlich nur im Kopf von Georg Orwell existiert hat, sondern zum Beispiel Ye Olde Reindeer Inn, The Rock at Chiddingstone oder Cumberland Arms.

https://larkins-alehouse.co.uk/


Anhand wahrer Begebenheiten erzählt in freier Anlehnung an Georg Orwells “Moon Under Water” aus dem Evening Standard vom 9. Februar 1946.