Bierberater MüGro

International Beer Sommelier * Bierbotschafter IHK * Candidate of the Institute of Masters of Beer


Die Anfänge der Griffin Brewery anlässlich der Verkostung von sechs Vintage Ales

London. Liquorpond Street. Straße des Schnapsteiches. Ebenda befand sich bis 1816 die Meux and Reid’s Brewery, deren Emblem (oder wie man heute sagen würde: Logo) ein Griffin war. Griffin, zu deutsch Greif, ist ein aus Tierkörpern gebildetes, mythisches Mischwesen. Es steht für Wachsamkeit und Stärke. Vielleicht war mit dem Liquorpond auch einfach ein Wasserteich gemeint. Englische Brauer nennen ihr Brauwasser aus unerfindlichen Gründen nämlich nicht „Water“, sondern „Liquor“. Die Liquorpond Street jedenfalls befand sich Anfang des 19. Jahrhunderts am Rand des Londoner Zentrums dort, wo heute die Clerkenwell Road ist, genauer: der Abschnitt der Clerkenwell Road zwischen Grays Inn Road und Leather Lane.

Auf der Agas Map of Early Modern London aus den 1560er Jahren ist dort nur freies Feld deutlich außerhalb der damals schon eng bebauten Hauptstadt zu sehen. Heute ist die Clerkenwell Road mitten in London. Die Fullers Brewery ist hingegen mehr oder weniger am Rande der Stadt, im Stadtteil Chiswick, ganz weit außerhalb dessen, was man 1560 oder 1816 als London bezeichnet hätte. Ihr Symbol ist der Griffin, ihr amtlicher Name lautet seit 1816 „Griffin Brewery“. Ihr Premium-Produkt ist das Jahrgangsbier Vintage Ale, also: das alte, klassische Ale, dessen Genuss einen Anlass bietet, in die Vergangenheit zu blicken.

Also zurück ins Jahr 1816. Oder nein, gehen wir noch zwei weitere Jahre in die Vergangenheit zum 17. Oktober 1814, einem Montag, dem Tag der legendären Londoner Bier-Überschwemmung, die sieben Menschen das Leben kostete. Ort des Geschehens war die Horse Shoe Brewery, sie gehörte einem gewissen Henry Meux, dem Sohn von Richard Meux, der wiederum Mitbesitzer der erwähnten Meux and Reid’s Brewery war. Das Bier der Stunde war Porter, und die Brauereien übertrumpften sich im Bau riesiger Fässer, in denen das Porter reifte. Richard Meux verfügte über das größte Fass, wobei “Fass” angesichts des Fassungsvermögens wie ein Scherz klingt: 90.922 Liter. Sohn Henry ließ sich ein Fass für 81.830 Liter Porter bauen, dessen Dauben von 320 Kilogramm schweren Fassreifen gehalten wurden. An dem besagten Montag gegen 16:30 Uhr lockerte sich einer dieser Fassreifen, eine Stunden später platzte das Fass, 81.830 Liter Porter brachen sich schwallartig Bahn und zerfetzten weitere kleinere Fässer, die Umgebung wurde mit schätzungsweise 1,4 Millionen Liter Porter überflutet. Wände stürzten ein, Ziegelsteine wurden auf Hausdächer geschleudert, eine 4,6 Meter hohe Flutwelle ergoss sich in die benachbarte News Street und zerstörte mehrere Häuser. Sieben Menschen im Alter von 3 bis 63 starben, die Arbeiter der Brauerei hingegen überlebten.

Auch die Brauerei selbst überlebte die Katastrophe, ein Gericht urteilte, es habe sich um ein versehentliches Unglück gehandelt, und der Staat bewahrte die Brauerei durch einen Steuererlass vor der Pleite. Erst 1921 wurde die Horse Shoe Brewery an einen anderen Standort verlegt, 1961 liquidiert.

Die Geschichte von Richard Meux’ Meux and Reid’s Brewery in der Liquorpond Street hingegen, eine Meile und ungefähr 20 Minuten Fußweg entfernt von der Horse Shoe Brewery gelegen, endete bereits 1816, womit wir wieder beim Griffin wären. Das Emblem übernahm ein Brauer aus Chiswick: Douglas Thompson, Geschäftspartner von Henry Thompson und Philip Wood, die Griffin Brewery war geboren. 1829 stieg John Fuller in die Brauerei ein, 1845 kappte sein Sohn die letzten Verbindungen zu den Thompsons, und die Erfolgsgeschichte einer der berühmtesten englischen Brauereien war nicht mehr aufzuhalten. Die Zahl 1845 ziert bis heute das Logo: den aus Löwenleib, Vogelkopf und Flügeln zusammensetzten, goldenen Griffin, dessen rechte Krallentatze auf ein Fass gestützt ist. Darunter ein grünes Band mit dem Schriftzug Griffin Brewery, darunter wiederum in einem roten, grün-gold-weiß gerahmten Feld das großbuchstabene Wort Fuller’s, klein darunter, gold auf grün: Chiswick.

Die berühmte Geschichte der Londoner Bierflut reckt auf diese verquere, indirekte Weise sozusagen eine Tatze aus der Vergangenheit in unsere Zeit. Auch ein Porter wird in Chiswick immer noch gebraut, davon abgesehen sind Fullers Ales aber sicherlich ganz anders als ihre flüssigen Vorfahren. Das gilt ohne Zweifel auch für das Vintage Ale. Obwohl, wer weiß? Wir werden es nie erfahren, jedenfalls nicht, solange niemand eine Zeitmaschine erfunden hat. Es zählt also das Jetzt und das bot mir in den vergangenen Tagen sechs Phantasie anregende Vintage Ales der Jahrgänge 2018 bis 2023. Jedes einzelne verpackt in einem hübschen, roten Karton und natürlich mit einem wachsamen goldenen Griffin geschmückt.

Vintages Ales produziert Fuller’s seit 1997 Jahr für Jahr neu. Gleich bleiben die Farbe – ein schönes, helles Bernsteinbraun mit einem Stich Rot -, der Alkoholgehalt von 8,5 Prozent  und die Verwendung der eigenen Fuller’s Hefe, die für einen “zesty marmalade character” sorgt. Variiert werden die Zusammensetzung der Malze und die verwendeten Hopfen.

Malz, Hefe und Alkohol bilden eine Basis, auf der der Braumeister mit Hopfen und Malzvariablen spielt wie ein Koch, der mit der gleichen Rinderkraftbrühe immer wieder andere Suppen kreiert. Die Alterung in Flaschen tut ihr Übriges, lässt Aromen aufblühen und vergehen, und so entstehen kräftige Biere mit eleganten Nuancen. Es bedürfte einmal mehr einer Zeitmaschine oder eines extrem guten Erinnerungsvermögens, um den Geschmack des frischen 2018er-Ales mit dem des sieben Jahre gereiften zu vergleichen. Wie etwas früher geschmeckt hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Wie es jetzt schmeckt, ist leicht herauszufinden. Und wie es bei jemand anderem schmeckt, der das gleiche Bier jetzt oder später verkostet, steht sowieso auf einem ganz anderen Blatt.

Vintage Ale 2018: Im Geruch Schokolade, Orange, Teekuchen und Tabak, im Mund dann ebenso deutliche wie angenehme Sherry-artige Alterungsaromen, Rumfrüchte, eine trockene Malzigkeit und eine leichte Bittere im Abgang. Hopfenaromen sind nur noch als Erinnerung des Ales vorhanden. Als Pairing bietet sich eine gute Zigarre an.

Vintage Ale 2019: In der Nase leichte Karamell- und Butternoten. Im Geschmack Fudge und getoastetes Brot. Pairing: Vanilleeis – keine verkehrte Idee, das Bier als Soße zu verwenden.

Vintage Ale 2020: Merklich süßer als die Vorgänger, außerdem reif, würzig, malzig und fruchtig. Sehr ausgewogen und balanciert. Die Rezenz ist selbstredend stärker, dadurch ist es erfrischender. Zugleich aber auch etwas cremiger als das 2018er oder 2019er.

Vintage Ale 2021: In der Nase eine deutliche Note von typisch englischer Orangenmarmelade, Bisquit und Toffee. Im Geschmack gesellt sich Pflaume hinzu und im Abgang eine leichte malzige Bittere. Dazu Shortbread.

Vintage Ale 2022: Diese Variante sticht mit ihren Kräuternoten heraus. In der Nase ist neben der Würze und einem Hauch Pfeffer auch etwas Blumiges und eine Spur Schwefel, wärmer werdend kommen grasige Aromen hinzu. Ein wenig jugendlich ungestüm ist es noch, es hat also Potential und es wäre spannend, es in ein paar Jahren noch einmal zu probieren. Als Pairing böte sich eine sommerliche Gemüsesuppe an oder Lamm mit Minzsoße.

Vintage Ale 2023: Jung und unreif. Hier merkt man deutlich, dass es Biere sind, die sich entwickeln müssen. Nicht, dass es nicht schmecken würde, ganz im Gegenteil. Aber es ist noch ein süffiges Thekenbier und nahe dran an ESB und Amber Ale. Wird noch. In sieben Jahren sehen wir uns wieder.


Quellen