Bierberater MüGro

International Beer Sommelier * Bierbotschafter IHK * Candidate of the Institute of Masters of Beer


Adrian Tierney-Jones: A Pub For All Seasons

Herzensbildung – ein Wort, das heute nur noch wenige kennen. Dabei ist es ein wunderschönes Wort. Viel poetischer als Empathie und viel ausdrucksvoller als das bis zur Belanglosigkeit gedudelte Achtsamkeit. „Was tut es denn, ob einer Herzog oder Droschkenkutscher ist, wenn er Geist und Herzensbildung besitzt?“ sagte Marcel Proust. Französisch klingt es sanft und satt: “l’intelligence du coeur”. Das Wort jedenfalls geisterte immer wieder durch meinen Kopf, während ich “A Pub For All Seasons: A Yearlong Journey in Search of the Perfect British Local” von Adrian Tierney-Jones gelesen habe. 

Mit Wörtern ist das so eine Sache. Zum Beispiel im Englischen. Man liest einen englischen Text und denkt: Schon wieder ein Wort, das ich nie zuvor gelesen habe, ich bin mir sicher, das hat sich der Autor gerade erst ausgedacht. Man zieht ein Wörterbuch zu Rate und natürlich gibt es das Wort. Die englische Sprache bedient sich dank einer für eine Insel vergleichsweise wechselhaften Geschichte aus dem Fundus der Angelsachsen, Kelten, Dänen, Norweger und Franzosen und der Sprachen all der Länder und Völker, die im Namen der Krone erobert wurden. Das Ergebnis ist ein großer Reichtum an Wörtern, und manche Autoren kennen beneidenswert viele diese Wörter und benutzen sie auch – nicht selten gekonnt. Der geneigte Nicht-Muttersprachler kann, wenn er genug Leseerfahrung hat, über manches dieser Wörter hinweglesen und den Zusammenhang dennoch erfassen.

Beim Lesen von Texten von Adrian Tierney-Jones ist das anders. Man will jedes Wort verstehen. Er ist nämlich kein Sachbuchtexter, seine Texte über Bier und Pubs sind Literatur, sind glasklar und geschmeidig, voll von wunderbar bildhaften Beschreibungen von Landschaften, Pubs, Pub-Besuchern und Bieren, sind nie apodiktisch, rechthaberisch oder überheblich, sondern klug und oftmals zögerlich, vorsichtig tastend, vielfach berührend persönlich. Immer wenn man “A Pub For All Seasons” nach ein oder zwei Kapiteln kurz weg legt, hat man das Gefühl, man käme aus dem Pub nach Hause, nachdem man mit Adrian Tierney-Jones ein paar Pint getrunken oder ihm über die Schultern geschaut und mitgelesen hat, wie er seine Gedanken und Beobachtungen in sein Journal schreibt, handschriftlich nehme ich an und den Bleistift gelegentlich beobachtend zwischen den Zähnen drehend. Obwohl: Ich glaube nicht, dass er den Bleistift zwischen die Zähne nimmt, das Stift-Aroma würde einem das Bier vergällen. Er schreibt in einer Sprache, in der man sich verlieren kann, wie eine bald vertraute Kneipe aus Wörtern, zwischen denen man wohnen möchte. Abwechselnd klug, fröhlich, nostalgisch, melancholisch, ironisch, beobachtend distanziert, mal menschenfreundlich, mal menschenscheu und manchmal (fast) alles auf einmal. Kurz: Es sind Texte, die von einer Herzensbildung durchdrungen sind.

Ich gebe zu: Ich liebe englische Pubs und englische Ales. Ich kenne zahlreiche der Pubs, die er beschreibt, selber. Ich kenne und liebe englische Landschaften. Und es könnte durchaus sein, dass mich diese Umstände zu einer gewissen Subjektivität verführen, was “A Pub For All Seasons: A Yearlong Journey in Search of the Perfect British Local” von Adrian Tierney-Jones angeht. Ebenso aber kann das Buch den Leser verführen, Durst machen auf ein Pint Bitter, Lust auf einen winterlichen Abend am Kamin im Pub oder einen Sommersonntagnachmittag im Biergarten, Lust auf Aufbruchsstimmung im Frühling oder Wehmut im Herbst, Lust auf einen Spaziergang über englische Hügel und Wiesen, ein Country-Pub als Ziel im Visier, egal zu welcher Jahreszeit.