Bierberater MüGro

International Beer Sommelier * Bierbotschafter IHK * Candidate of the Institute of Masters of Beer


Kalk, Deutz, Kölsch und drei Bomben

Ein feuerroter, praller Mond steht über Köln-Deutz, wo man am Rheinufer einige Stunden zuvor drei Weltkriegsbomben gefunden hat. Der Himmel ist noch hell, der Abenddunst ist pastellrot und zartviolett angestrichen, ein paar verlorene graublaue Wolken ziehen träge hinter den Stromleitungen des Deutzer Bahnhofes vorbei. Die Bomben liegen knapp unterhalb der Grasnarbe einer Wiese am Rhein. Die Entschärfung ist für den nächsten Tag geplant. Auf der Fahrt mit der Straßenbahn über die Deutzer Brücke kann man die Fundstellen erahnen. Sie sind von Sichtblenden verdeckt, erstaunlich kleine Erdhügel daneben, links und rechts nahebei Spazierwege, auf denen Neugierige, Radfahrer und Fußgänger auf dem Weg von A nach B unterwegs sind. Warum auch nicht? Immerhin liegen die Bomben seit 80 Jahren dort und die Kölner haben über den Bomben Picknick gehalten oder Federball gespielt. Und außerdem findet man jede Woche eine Bombe in Köln, allerdings selten drei auf einmal oder so Große wie diesmal.

Wir sind auf dem Weg von Köln-Kalk in die Altstadt, um dort die Malzmühle zu besuchen, Kölsch zu trinken und uns herzhafte Brauhausküche einzuverleiben. In der Bahn sitzt ein alter Mann auf seinem Rollator. Er hat spinnenbeindünne Finger und eine dürre Gestalt, trägt Hosen mit viel Platz, ist gepflegt und gelassen und hat einen sorgenfreien Blick. Ich stelle mir vor, dass er schon so lange Witwer ist, dass er sich daran gewöhnt hat, aber trotzdem noch leise mit dem verblassenden Geist seiner Frau spricht. Vielleicht hatte er auch einen Mann, aber dann wäre er die Hauptperson in einer ganz anderen Geschichte.

Mir gegenüber sitzt ein junges Mädchen, vielleicht 18 Jahre alt, schaut aus dem Fenster und lässt den Blick gelegentlich durch die Bahn schweifen, wie auf der Suche nach dem Kommenden. Ihr Ausdruck ist voll Zuversicht mit einer Spur Melancholie, eher die Melancholie des Liebeskummers als die der Lebensmitte. Ich bin froh, die Lebensmitte hinter mir gelassen zu haben, und noch mehr, nicht mehr jung sein zu müssen.

Am Morgen konnte man im Wirtschaftsteil des Kölner-Stadt-Anzeigers lesen, dass das berühmte Mühlenkölsch künftig von der Brauerei Gaffel gebraut wird. Eine Tradition endet, die von den Kölner so geschätzte und trotzdem extrem überbewertete Kölner Bierwirtschaft wird wieder ein bisschen stromlinienförmiger, als würde sie immer schlanker, um eines vielleicht nicht allzufernen Tages besser in den Tunnel der Bedeutungslosigkeit einfahren zu können. Dafür gäbe es zwei Gründe. Erstens, weil die so genannten Kölschkultur in ihrem folkloristischen Pathos erstarrt ist. Zweitens, weil der gesundheitsfanatische Konsument mehr und mehr dem Teufel Alkohol abschwört und sich ganz und gar der Selbstoptimierung widmet, mit der man auch nicht älter oder gesünder wird, sich aber scheinbar besser fühlt.

Ich will jedenfalls ins Brauhaus. Kölsch ist nicht mein Lieblingsbier, aber ab und zu ist es akzeptabel und mit einer kalorienreichen Bratwurst oder deftigem Himmel und Ääd sogar gut. Die Selbstoptimierung kann mich mal kreuzweise.

Ich bin zufälliger Teil einer Gruppe von Männern, die um die 80 Jahre alt und damit rund 20 Jahre älter sind als ich und sich regelmäßig für Radtouren treffen. Ich bin an diesem Tag nur mit dabei, weil mein Schwiegervater Mitglied ist und keine Tour auf dem Programm stand, sondern eine Brauereibesichtigung in Köln-Kalk. Die haben wir soeben hinter uns gebracht. Sie war launisch, durchdrungen von rheinischem Patriotismus und dem unerschütterlichen Glauben, dass im Grunde nur Kölsch die Bezeichnung Bier verdient, und an den Stellen, an denen es um die Geschichte des Bieres von den Anfängen bis in die beginnende Neuzeit ging, durchsetzt von Legenden und Fehlern. Interessanterweise war sie trotzdem gut, weil der Guide die Ausstrahlung eines kölschen Originals und er seine Gäste durchweg sehr erfolgreich unterhalten hat. Außerdem war er ehrlich, weil er die kurze Geschichte des Kölsch wahrheitsgemäß erzählt hat. Dass Kölsch kein sonderlich historisches Bier ist, diese Information haben meine Senioren mit ins Brauhaus genommen.

Dort angekommen, denke ich über die alten Herren nach. Natürlich sind alle Rentner und manche auch schon ein wenig unsicher auf den Beinen. Ich wundere mich, dass sie bei ihren manchmal tagelangen Radtouren rund 70 Kilometer am Stück zurücklegen.

Die Männer, wie auch der Mann in der Straßenbahn, vermitteln mir ein Gefühl von Angst und Sehnsucht zugleich. Ich sehe mich in ihnen. Ein Spiegelbild, das mir Sorgen und Hoffnungen macht. Sorge, irgendwelche Gebrechen zu bekommen, Probleme mit der Prostata, einen Hüftschaden oder was auch immer. Hoffnung,  weil sie, satt von Lebenserfahrung, Gelassenheit ausstrahlen. Gelassenheit ist zu ungenau. Es ist vielmehr so etwas wie die Ruhe des Augenblicks, weil die Zukunft nicht mehr wichtig ist und die Vergangenheit nur noch eine Sammlung von Anekdoten. Auf eine Art das reine Leben, ohne Ablenkung. Es erscheint mir erstrebenswert und am Horizont meines Lebens ganz nah.

Am Abend darauf werden die Bomben erfolgreich entschärft. Die am Morgen im Umkreis von einem Kilometer evakuierten Menschen kommen zurück in ihre Wohnungen, Heime, Schulen, Kindergärten, Büros und Geschäfte. Irgendwo unter Grasnarben und Asphalt liegen noch mehr Bomben. An Kneipentheken erzählt man sich Geschichten und lobt das Bier. In Krankenhäusern werden alte Männer und Frauen operiert. Und aus irgendeinem Straßenbahnfenster blickt immer jemand in die Zukunft.