Bierberater MüGro

International Beer Sommelier * Bierbotschafter IHK * Candidate of the Institute of Masters of Beer


Idyllabfuhr

Meine Tochter isst gerne Burger. Einige Tage nach ihrem 21. Geburtstag sitzen wir in einem American Diner in Köln. Innenstadt, an der Ecke zweier mehrspuriger Hauptstraßen. Das Menü des Restaurants umfasst neben Burgern auch Spare Ribs und Pizza sowie Bier. Auch amerikanische, unter anderem ein Samuel Adams. Nur als Flaschenbier, aber immerhin. Die überaus freundliche Kellnerin lächelt, als sie mir erklärt, dass das Sam Adams aus ist. Ansonsten gibt es Kölsch in drei Varianten: ein Glas, als 10er-Kranz oder als Pittermännchen am Tisch. Vom Fass gibt es außerdem Hofbräu Original und Heineken, als weitere US-Biere natürlich Budweiser und Bud Light. Am Nachbartisch nuckelt tatsächlich jemand an einer Flasche Bud Light – ein eindrucksvolles Schauspiel kulinarischer Tiefstapelei, das kaum unterboten werden kann.

Ich schaue weg und mein Blick fällt auf einen alten Mann in einem braunen, abgetragenen Anzug auf dem Bürgersteig. Ich wende mich wieder der Kellnerin zu und bestelle ein Hofbräu. Frau und Tochter bestellen Cola. Beim Essen entscheide ich mich für den Naked Burger, weil ich die weichen Burgerbrötchen nicht leiden kann. Meine Tochter ordert den Cheeseburger mit Fritten, meine Frau ein Half Rack Spare Ribs und dazu einen Salat. Ich nehme Süßkartoffelfritten als Beilage.

Der alte Mann steht immer noch auf dem Bürgersteig. Wir sitzen am Fenster, so dass ich das hektische Treiben auf der Straße gut beobachten kann. Der Mann bewegt sich nicht, er blickt auf einen der Bildschirme des Diner, die nicht nur im Inneren hängen, sondern auch vor dem ein oder anderen Fenster mit dem Bildschirm nach außen zur Straße. Auf allen Bildschirmen läuft Fußball, irgendein Pokalspiel. Fußball interessiert mich nicht, den alten Mann offenbar umso mehr. Sein Jackett ist ein paar Nummern zu groß, seine Hose ist zu hoch gezogen und trotzdem an den Beinen zu lang. Er trägt ein hellbraunes Hemd ohne Krawatte. Er hat einen gepflegten, kurz geschnittenen grauen Vollbart und einen ebenso grauen Haarkranz um einen ansonsten kahlen Kopf. Der Mann ist nicht sehr groß, vielleicht 1.70 Meter, dünn und beinahe unbeweglich. Gelegentlich zubbelt er an Kragen oder Ärmel oder verlagert das Gewicht von einem aufs andere Bein. In seinen an hängenden Armen über Kreuz gelegten Händen hält er einen Stoffbeutel einer bekannten Buchhandelskette. Er hat die Aufschrift “Den Alltag einfach wegträumen”. Ab und zu schaut der Mann kurz um sich, dann wieder auf den Bildschirm. Sein Gesichtsausdruck ist ohne Regung, ernst, ohne sichtbare Emotionen, unbeteiligt, aber nicht teilnahmslos.

Das Essen kommt. Mein naked Burger Patty versteckt sich schamhaft zwischen zwei weichen Brötchenhälften. Ich bin offenbar im einzigen Diner des Planeten gelandet, in dem ein naked Burger kein naked Burger ist. Die Süßkartoffelfritten sind gut und gegen den mitgelieferten Coleslaw ist nichts einzuwenden.

Während ich das Burger Patty esse, beobachte ich den alten Mann. Um ihn herum, vor und hinter und neben ihm, ist der Innenstadt-Flow in vollem Schwung. Die Welt läuft und läuft, Junge, Alte, Helle, Dunkle, Frauen, Männer, hin und her, Autos halten an Ampeln, Motorräder brüllen, Paare halten Händchen und huschen vorüber, Mädchen in zu kurzen Röckchen und zu engen Blusen, Halbstarke Jungs mit Tanktop im breitbeinigen Schlendergang, Polizeisirenen werfen blaues Licht im Kreis, eine Stretchlimo segelt vorbei, Radfahrer und Fußgänger tanzen umeinander, eine Gruppe junger Männer schubst lachend einen der Ihren den anderen Passanten entgegen, er steckt in einem bunten aufblasbaren Pokemonkostüm, nur sein verzweifeltes Gesicht ist zu sehen. Der alte Mann steht da wie ein Fremder in einer unbekannten Welt, die irgendwie zu funktionieren scheint, schon immer und auch, wenn er nicht da wäre. Ruhig und beruhigt, gelassen, am Rand nur des Mittendrin, leise, wie ein zeitreisender Beobachter, der nicht kommentiert, nicht kritisiert, nichts in Frage stellt, nur auf den Bildschirm schaut und ab und zu nach links und rechts wie um sich zu orientieren ohne Orientierung zu suchen, weil er keine nötig hat. Es ist nicht seine Welt.

Ich habe meinen not-naked-Burger fast aufgegessen. Der Diner ist gut besucht, laute Stimmen überall verquirlt mit Musik. Die Fernseher und das Bild auf einer riesigen Leinwand über der Bar flimmern brüllend stumm. Ich bestelle ein zweites Hofbräu. Der Mann am Nachbartisch bestellt sich ein weiteres Bud Light, was in seiner Eintönigkeit ein erstaunlicher Widerspruch zu all dem Lärm und der kantigen Hektik des Diner und der Großstadt ist.

Ich schaue wieder aus dem Fenster auf den Bürgersteig, der alte Mann ist verschwunden, weit und breit nicht zu sehen, als wäre er nie da gewesen.

Später zu Hause will ich endlich eine heftige Dosis Aromen im Glas und trinke ein Tripel New England IPA, das “Idyllabfuhr” vom Atelier Vrai. Trüb wie Saft, blickdicht, strohgelb, vier Hopfen machen es unbarmherzig fruchtig (Grapefruit, tropische Früchte), im Abgang mit einer angenehmen Hopfenschärfe und einer nur mäßigen, harmonischen Bittere. Eine wunderbar samtige, fast idyllische Textur trifft auf eine markante Hopfigkeit wie Flüsterasphalt auf Feldweg.