Schritt auf Schritt, nur das Gehen ist wichtig, und der Klang der Natur. Das Summen von Reifen auf Asphalt ist fern, am Rand nur des Hörbaren. Es ist Herbst, die Blätter der Bäume leuchten gelbgrün und orange. Schritt auf Schritt durch die Fränkische Schweiz, über Feldwege und auf engen Waldpfaden dem 5-Seidla-Steig folgend. Seidla – so nennt man hier den einen halben Liter fassenden Bierkrug. Der unwegsame Weg, der Steig, führt vorbei an fünf Braugasthäusern, und man ist gehalten, in jedem einen Seidla zu trinken.
Es ist Vormittag. Schritt auf Schritt entlang von Feldern, Weiden und Wäldern. Ackerkrumen und Wiesen dampfen Nebel aus, die Sonne blinzelt. Die Welt der digitalen Jetzigkeit ist fern. Pflichtvergessen geht es über sanft gekämmte Hügelketten durch randgelegene Gegenden, durch Täler, entlang schmaler Bachläufe in Wälder hinein, hindurch, heraus. Angemooste und befarnte Felsenriffe simulieren Ewigkeit. Und plötzlich ist es beinahe still, warmes Rauschen lauter werdend, Wind lässt gelbe Blätter von müden Bäumen regnen, sie fallen krachen auf die feuchte Erde, das Echo verhallt, das Rauschen verstummt, Stille wieder. Weiter gehts.
Dörfer, Weiler, Straßen mit den breiten Spuren schmutziger Traktorenräder. Verfallene Höfe, an den Scheunentoren blättert Farbe ab. An einer Mauer zwei ausgebleichte und rostige Kaugummiautomaten, bei denen man schon mit Cent und Euro zahlen kann, so lange ist das her. Nahebei Höfe von Bauer, die reich geworden sind. Hühner hinter Bretterzäunen, daneben ein Heiligenhäuschen und Jesus am Kreuz, in der nächsten Straße Obstbäume, deren vergärende Last auf der Wiese liegt. Ein Misthaufen neben einem Stall riecht nach früher und Kindheit.
Die Uhr im Gasthaus ist stehen geblieben, die Zeiger erstarrt. Ein Kachelofen wärmt den Raum. Das Mobiliar ist dunkelbraun, rustikal, gemütlich. Häkeldeckchen auf den Tischen, auf jedem ein kleiner frischer Blumenstrauß in einer alten Vase. Fotos aus vergangenen Tagen an den Wänden. Werbung für Fremdenzimmer im Rahmen neben der Tür, auf der “WC” steht. Der Wirt lässt die Wahl: Dunkles oder Helles. Die Speisekarte ist kurz und verspricht Herzhaftes. Alles wie früher, ich bin ja auch von früher. Aber damals habe ich noch kein Bier getrunken. Damals wurde in der Wirtschaft noch geraucht und die Stiefel der Gäste waren mistbeschmiert. Heute haben sie Schuhe an und warme Westen, aber plaudern immer noch mit dem Wirt. Fränkisch, nicht bairisch. Als Kind habe ich bairisch gesprochen, den Unterschied kenne ich. Die Wände sind frisch gestrichen, ein Kartenlesegerät steht auf der Theke, nicht alles ist wie früher, als ich noch Kind war. Heute bin ich Wanderer, die Schuhe schmutzig. Essen dampft auf dem Teller, ein Seidla Dunkles steht in Reichweite – oder ist es das zweite? Es ist jedenfalls köstlich, handfest, erdig, malzig, hat eine leichte Butternote, vermittelt Wärme und Leichtigkeit. Das Leben kann einfach sein und schenkt einem zuweilen Momente des Glücks. Ob es aber ein Glück ist zu leben, habe ich noch nicht herausgefunden. Ich zahle bargeldlos und wandere weiter.





