
Fizzy. Das Ale in meinem Glas ist nicht fizzy. Es ist das Best Bitter von Bathams. Besser geht’s kaum. Aber es ist eben ein Ale. Kein Lager. Ein paar Stunden zuvor hatte ich gleich zwei Lager im Glas. Beide von Hawkstone. Deren Werbung wird mir seit neuestem in den sozialen Medien in die Timeline gespült. Noch ein Lager, dachte ich. Jeremy Clarkson dachte ich. Das ist doch dieser britische TV-Star – Top Gear, Wer wird Millionär – der seit neuestem eine Farm in den Cotswolds hat. Und jetzt macht er auch noch ein Bier. Also bitte. In England sehe ich das Hawkstone Lager in jedem zweiten Pub. Fast zwei Wochen lang habe ich mich standhaft gewehrt. Heute habe ich es dann doch mal probiert. Es ist natürlich fizzy. Und wie.
Aber im Ernst. Es ist ein grundsolides und sehr sauber gemachtes Lagerbier, das immerhin bei den World Beer Awards in der Landeskategorie England preisgekrönt wurde. Objektiv kann man absolut nichts dagegen einwenden. Probiert habe ich das Session Lager und das Lager und – Überraschung: Beide sehen im Glas vollkommen identisch aus, kein Unterschied zu sehen. Beide sind eisekalt, wie sich das für ein Lager dieser Stilrichtung gehört, und beide kommen originellerweise in einer Art Kölschglas daher, wenn man ein Half Pint bestellt (mehr wollte ich wirklich nicht). Strohgelb, glanzfein, flache weiße Schaumhaube, die beim Lager etwas kräftiger und cremiger ist. In beiden Gläsern tanzen ununterbrochen Millionen kleiner Bläschen. Das hektische Perlen hört gar nicht auf und macht mich etwas nervös.
Das hopfenbetonte Session Lager hat feine Aromen von Zitrus und Gras. Die Malzaromen halten sich im Hintergrund, sorgen aber für ein solides Fundament. Das Lager ist natürlich etwas kräftiger eingebraut und merklich malziger. Beide Biere erfüllen ihren Zweck extrem gut: schneller erfrischender Genuss ohne viel Schnickschnack oder besondere aromatische Komplexität. Das ist es schließlich, was die überwiegende Mehrheit der Biertrinker will. Diese Erwartungshaltung erfüllen beide Lager perfekt – und trotz allem auch mit einer Spur mehr Aroma, als die üblichen International Lager.
Zugegebenermaßen dachte ich zuerst, dass Jeremy Clarkson sein Hawkstone bei irgendeinem Braugiganten anonym a la International Lager brauen lässt und der Spruch, dass es von der Farm kommt, eben nur ein Spruch ist. In Wirklichkeit kommt es von der Hawkstone Brewery – 2005 als Cotswolds Brewing Company gegründet -, einer Microbrewery in Bourton-on-the-Water. Clarkson hat sich dort eingekauft und lässt nun mit Produkten seiner Farm und mittlerweile auch anderer englischer Farmer Bier brauen. Übrigens auch ein IPA, also nicht nur Lager. Clarkson wirft seine Bekanntheit und all sein Wissen um Marketing und Werbung in die Waagschale, so dass Hawkstone – wie gesagt – gefühlt ziemlich überall in Großbritannien zu finden ist und jetzt auch den Sprung auf den Kontinent wagt. Bald ist es wohl keine Mikrobrauerei mehr.
Zurück zum Bier. Es handelt sich um extrem gut gemachte, aber auch sehr konventionelle Lagerbiere – perfekte Stromlinienform. Aber ich frage mich ernsthaft: Musste es wirklich noch ein Lagerbier am Markt geben? Und warum kann Jeremy Clarkson seine ganze Bekanntheit nicht dazu nutzen, Cask Bier zu unterstützen? Das wäre mal was gewesen. Ich finde auch den Slogan “Beer from the Farm” etwas frech. Als würden andere britische Kleinbrauereien Bier nicht mit Zutaten von britischen Farmen herstellen. Das macht schließlich jeder kleine Real Ale Produzent auch.
Andererseits – und das ist vielleicht das wirklich positive an diesem Lager mit dem populären und kerligen Zugpferd Clarkson – sorgt es im besten Fall dafür, dass der britische Biertrinker künftig weniger International Lager von den großen Braugiganten, die die Bierwelt beherrschen und Authentizität nur vortäuschen, trinkt, und stattdessen ein Lagerbier bestellt, das tatsächlich in England mit Zutaten aus England hergestellt wird. Die angeberische Zapfsäule an den Theken überragt die der üblichen Verdächtigen jedenfalls deutlich und ist durchaus ein Hingucker – immerhin erinnert sie an den originalen, neolithischen Hawk Stone, Namensgeber der Brauerei, der in der Nähe von Clarkson’s Farm Diddly Squat auf dem Feld steht. Ob die Kapazität der Microbrewery den Bedarf heute und in Zukunft decken kann, sei dahingestellt. Hawkstone gehört schließlich jetzt schon zu den “100 fastest growing British companies”.
Übrigens macht Hawkstone auch Cider: “Never from concentrate, never pasteurised.” Dafür darf man uneingeschränkt applaudieren, denn damit geht Hawkstone konform mit der Real Cider Definition der CAMRA: #notfromconcentrate. Hawkstone taucht allerdings in der offiziellen Liste der Real Cider Produzenten der CAMRA nicht auf.
So. Und jetzt wieder ein Schluck Bathams Best. Ganz subjektiv ziehe ich Cask jedem Lager vor. Minderheitenbier, ich weiß. Auch Clarkson’s Partner Kaleb Cooper, mitverantwortlich für den Hawkstone Cider, mag kein Lager. Er “would rather swim in slurry than drink lager”. Na dann, Prost!
Quellen:
- https://en.wikipedia.org/wiki/Hawkstone_Brewery
- https://hawkstone.com
- https://en.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Clarkson
- https://www.cityam.com/jeremy-clarksons-hawkstone-brewery-and-andy-murray-backed-castore-named-among-fastest-growing-british-businesses
- https://camra.org.uk/producers
The (original) Hawk Stone:
