Mein Blick auf englische Pubs und Brauereien ist sehr beeinflusst davon, dass ich am liebsten Cask-Ale trinke und in Pubs gehe, die eine gute Auswahl von Cask-Ale aus traditionellen, unabhängigen und – wichtig – lokalen Brauereien haben. Dabei fällt mir natürlich auf, dass Keg-Biere und International Lager allüberall zu bekommen sind, und viele, wenn nicht die meisten Pub-Besucher, genau diese International Lager bestellen – und sogar das Angebot an britischen Lagerbieren oder unabhängig gebrautem Ale, das nicht aus Casks gezapft wird, schmähen.
Pubs, die sichtbar kein Cask anbieten, besuche ich jedenfalls nie, und ich nehme wahr, dass die Anzahl von Cask-Pumpen in den Pubs abnehmen (und die Zahl der Pubs im Übrigen auch). Wie dramatisch und geradezu perfide und brutal der Biermarkt im Vereinigten Königreich von internationalen Konzernen – und zwar nur 4 (vier!) internationalen Konzernen – beherrscht und mit langweiligen Massenprodukten geradezu kaputt gemacht wird, ist mir erst durch den aktuellen Bericht der CAMRA (Campaign for Real Ale) bewusst geworden: “Beer in the UK: A consumer perspective on the real state of UK brewing and supply of beer to pubs in 2026” (Link und Download s.u.)
Die wesentlichen Erkenntnisse
** Seit 1979 ist die jährliche Bierproduktion im Vereinigten Königreich von 68.900 auf 36.100 Hektoliter gesunken (von 12 Milliarden auf 6 Milliarden Pints pro Jahr).
** Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch fiel von 122 Liter auf 63 Liter (von 18 Pints auf 9,2 Pints pro Monat).
** Während Bier 1980 noch 65 % bis 70 % des britischen Alkoholmarktes ausmachte, stagniert sein Anteil seit 2010 bei nur noch rund 35 % bis 36 %. Der Gesamtalkoholkonsum ist jedoch unverändert. Bier hat seinen Marktanteil vor allem an Wein verloren, weil Verbraucher – man höre und staune – auf der Suche nach verlässlicher geschmacklicher Vielfalt (!) auf Wein umgestiegen sind.
*” Der Bierverkauf hat sich drastisch von Kneipen (On-Trade) zum Heimkonsum (Off-Trade) verlagert. Während der Kneipensektor jahrzehntelang 90 % des Biermarktes ausmachte, liegt dieser Anteil heute bei knapp über 40 %.
** Bis 1990 waren 96 % der britischen Brauereien auch in britischem Besitz; heute werden über 80 % des Biers im UK direkt oder indirekt von ausländischen Unternehmen produziert.
** Mehr als 70 % des im UK gebrauten Biers stammen von den Tochtergesellschaften oder Marken vier internationaler Großkonzerne: AB InBev, Heineken, Carlsberg und Molson Coors.
** Auch mehrere andere bedeutende britische Brauereien befinden sich in ausländischem Besitz, zum Beispiel Greene King, Tennent’s, Fullers und seit Neuestem BrewDog.
** Der Marktanteil der kleinen unabhängigen britischen Brauereien am britischen Biermarkt beträgt nur etwa 7 %, obwohl Verbraucherumfragen darauf hindeuten, dass dieser auf 20 % steigen würde, wenn es vor allem den Pubs sowie den Einzelhändlern freigestellt wäre, die Biere zu kaufen, die ihre Kunden bevorzugen.
** Viele große scheinbar „ausländische“ Lagermarken (z. B. Stella Artois, Moretti, Madri, San Miguel, Corona) werden, auch wenn die Werbung etwas anderes suggeriert, in Wirklichkeit im UK gebraut – oft mit abgewandelten/verwässerten Rezepturen.
** Viele traditionelle britische „Ale“-Marken wurden von Konzernen übernommen und werden nicht mehr an ihren historischen Brauorten hergestellt, auch wenn die Werbung einen das glauben machen will, z.B. Banks’s, Doom Bar, Hobgoblin, Marston’s, Newcastle Brown, Sharp’s, Worthington, Young’s.
** Brauereien im Besitz von Großkonzernen werden häufig als kleine „Craft-Beer“-Marken vermarktet, z. B. Beavertown (Heineken), Camden Town (AB InBeV), Neck Oil (Heineken), Shipyard IPA (Carlsberg).
** Unabhängige Brauereien werden durch exklusive Liefer- und Schankverträge (z. B. Verträge mit Immobilienkonzernen, “Pubcos“ oder Schankanlagen-Wartungsfirmen) vom Markt ferngehalten. Die mit Abstand größte Schankanlagen-Wartungsfirma gehörte ausgerechnet Heineken und Carlsberg, die dann auch nur erlauben, ihre Biermarken durch diese Schankanlagen laufen zu lassen. Und diese Firma ist verantwortlich für – festhalten – 90.000 Schankanlagen im UK.
** Obwohl Pubs vorgeben, eine breite Auswahl zu bieten, wird der Markt durch Methoden wie Full-Line Forcing (Verpflichtung zur Abnahme des gesamten Sortiments eines Anbieters) und Double Marginalisation (Doppel-Aufschläge in der Lieferkette, die die Preise für Endverbraucher hochtreiben) kontrolliert. Natürlich von den vier großen Konzernen, die so viele Marken im Angebot haben, dass es scheint, als gebe es Vielfalt. In Wirklichkeit handelt es sich fast überwiegend um recht gleichförmige, geschmacksneutrale Lagerbiere.
** Zwischen 2000 und 2024 sind die Bierpreise in Gaststätten um 118 % gestiegen, im Supermarkt (Off-Trade) nur um 27 %. Das und zusätzliche aggressive Rabatte schwächen den Kneipensektor.
** UK hat nach Norwegen, Island und Finnland die vierthöchste Biersteuer in Europa. Im Vergleich zu anderen traditionellen europäischen Braunationen (z. B. Deutschland, Belgien, Tschechien) zahlt man im UK im Schnitt das Zehnfache an Steuer pro Liter Bier. (Anmerkung: Dies mag sich aktuell mit der neuen Regierung unter Andy Burnham ändern.)
** Seit dem Brexit ist der Export unabhängiger kleinerer britischer Brauereien aufgrund von bürokratischen Hürden und Zollregulierungen massiv eingebrochen.
Ausweg Vertriebspartnerschaften?
Die britische Bier-Journalistin Laura Hadland beschreibt in ihrem Beitrag “The Loophole: how indie brewers are finding new space on the bar” einen Weg, wie unabhängige Brauereien ihre Biere dennoch in die Pubs bekommen: Vertriebspartnerschaften mit den Großen. Das bringt beiden Partnern Vorteile: Die Kleinen bekommen die Chance, landesweit im Angebot zu sein, die Großen polieren ihr Image. So machen es zum Beispiel Theakston, Northern Monk und SALT.
Dies mag für einige Brauereien durchaus sehr vorteilhaft sein und öffnet zumindest ein kleines Fensterchen für Konsumenten. Aber abgesehen davon, dass diese Methode für Cask nur schwer möglich ist, weil bei Real Ale kurze oder schnelle Vertriebswege essentiell sind (es ist “live beer”, das im Fass – Cask – reift und somit nur sehr begrenzt lagerfähig ist), hat es auch weitere Nachteile, wie Laura zeigt:
“Once a macro has ‘collected’ an independent craft brewer to fill the gap in their portfolio, they aren’t going to want any more. And the thing about the big brewers is that there are relatively few of them, so that window is closing fast.” Kurz: Nur wenige Brauereien können davon profitieren.
Dazu kommt, dass die weite Verbreitung einiger unabhängiger Brauereien einen negativen Effekt auf deren Image hat: “Some drinkers (…) think that the breweries have been taken over and worry that the beer’s quality will change for the worse.”
Meines Erachtens besteht noch eine andere Gefahr: Wenn sich die Partnerschaft für den Brauereikonzern als vorteilhaft erweist, könnte er Geschmack daran haben, den kleinen Partner einfach zu übernehmen, um Profit und Kontrolle zu maximieren. Der Große in der Partnerschaft sitzt in jedem Fall am längeren Hebel in und könnte sich vom Kleinen auch jederzeit trennen und diesen damit in den Ruin treiben.
Lauras Fazit ist, dass Vertriebspartnerschaften Vorteile haben mögen, aber nicht der Weisheit letzter Schluss sind: “But that doesn’t alter the fact that much-needed wholesale structural change to the pub industry, as identified by CAMRA, will ultimately benefit consumers more. It is likely that only new legislation will force the hand of the global giants and create a marketplace in which the large and the small brewers get equitable opportunities.”
Was können wir als Konsumenten tun?
Natürlich hat die CAMRA sehr viele Forderungen an die Politik, um die genannten Probleme zu bekämpfen, aber wir als Biertrinker, die gerne ins UK fahren, die gerne britische Biere und Cask-Ale trinken, die gerne Biere von unabhängigen Brauereien trinken und die möchten, dass die Bier-Vielfalt in Großbritannien erhalten bleibt, können etwas tun:
** Meide Pubs, die kein einziges Cask-Ale anbieten, auch dann, wenn du lieber ein Lager willst. Lager gibt’s in den anderen Pubs auch.
** Wenn du ein Lager willst, meide die großen Marken, frag nach britischen Lager – auch viele kleine Brauereien haben mittlerweile ein Lager im Programm, z.B., um nur ein paar zu nennen: Wye Valley, Hawkstone, Hook Norton, St. Austell, Thornbridge oder Adnams.
** Falls du Bier aus dem Keg bevorzugst, weil du Bier lieber kälter und spritziger magst, halte Ausschau nach unabhängig gebrauten britischen Bieren.
** Besuche möglichst nur Pubs, die zu kleinen unabhängigen Brauereien gehören oder Biere kleiner, unabhängiger Brauereien anbieten – “Free House”. Eigene Pubs zu betreiben ist für manche Brauereien der Vertriebsweg, der ihre Zukunft sichert. So ist es zum Beispiel bei Hook Norton in den Cotswolds, Timothy Taylor oder Theakston in Yorkshire und Adnams in Suffolk.
** Mit dem Konsum von Bieren z.B. folgender unabhängiger Brauereien unterstützt Du die britische Bierkultur: Timothy Taylor, Durham Brewery, Hook Norton, Theakston, Thornbridge, Titanic Brewery, Harveys, Marble Beers, Hobsons, Holdens, Felinfoel, Adnams, Ludlow Brewery, Wensleydale Brewery, Wye Valley Brewery, Shepherd Neame, Twickenham Brewery, St. Austell Brewery. Eine wilde, ungeordnete, unvollständige Liste, denn ich könnte Dutzende weitere nennen, auch solche, die eher dem schwer zu definierenden Segment “Craft Beer” zuzurechnen sind, wie Anspach & Hobday, Tiny Rebel oder Northern Monk. Schau einfach auf die Pump-Clips an der Theke des Pubs Deines Vertrauens.
** Nutze außerdem folgende Websites bzw. Apps:
-> https://www.caskfinder.co.uk
-> https://camra.org.uk/pubs
-> https://camra.org.uk/heritage-pubs
-> https://indiebeer.uk/index.php#beerChecker
-> https://www.spbw.beer/information/wood
Fazit
Großbritannien hat eine der reichhaltigsten, längsten und vielfältigsten Biertraditionen der Welt und ist das Geburtsland von IPA, Stout, Porter und Barley Wine, von historischen Innovationen bei der Bierproduktion ganz zu schweigen. Anton Dreher (Brauerei Schwechat) und Gabriel Sedlmayr (Spaten-Brauerei) sind nicht ohne Grund 1832 nach England und Schottland gereist und haben in den dortigen Brauereien spioniert. Erfindungen wie Münchner Dunkel oder Wiener Lager verdanken wir dieser Spionagereise.
Mit Cask Ale verfügt vor allem England über eine einmalige landestypische Tradition.
Man sollte also nicht tatenlos dabei zusehen, wie eine große Biernation dahinsiecht und von internationalen Großkonzern kaputt gemacht wird. Belgien z.B hat es geschafft, seine lange Biertradition zu erhalten. Auch wenn dort die großen Konzerne ebenfalls den Ton angeben, ist doch die belgische Bierlandschaft sehr vielfältig und wird von Einheimischen wie Touristen goutiert; die Großkonzerne selbst pflegen die Vielfalt dort mehr als im UK. Belgien ist als Bierland immerhin Weltkulturerbe. Das Cask Ale des Vereinigten Königreichs – überhaupt die traditionelle britische Bierkultur – hätte diesen Titel ohne Frage auch verdient.
Links
https://camra.org.uk/beer-report
https://www.extremehousewife.com/2026/07/indie-brewers
https://camra.org.uk/campaign-resources/camras-definitions-of-real-ale-15885
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